Leitbild der Aidshilfe Essen e.V.

Unser Ursprung: gemeinsam sind wir stark
Die Aidshilfe Essen e.V. wurde 1985 als gemeinnütziger Verein von engagierten Bürger*innen gegründet. Sie waren zumeist direkt oder indirekt von HIV / Aids betroffen. Im Verlauf einer sich verändernden Aids-Problematik veränderten sich auch die Aufgabenfelder stetig.

Unser Anspruch: Solidarität und Akzeptanz
Das zu Beginn der Aidskrise repressive politische Klima, das Ausgrenzung und Diskriminierung möglich machte, prägt bis heute unser gesellschaftspolitisches Profil: Neben Prävention und individueller Hilfe wollen wir gezielt Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen. Wir stärken, basierend auf der Akzeptanz von vielfältigen Lebensweisen, individuelle Lösungskonzepte. Deshalb treten wir mit einer aktiven Minderheiten- und Antidiskriminierungspolitik für die Solidarität mit und Akzeptanz von Menschen mit HIV und Aids sowie von Menschen in HIV-relevanten Lebenslagen ein. Wir setzen uns dabei für die Universalität, Egalität und Unteilbarkeit ihrer Menschenrechte ein. Wir erkennen ihre Einzigartigkeit an und respektieren sie unabhängig von Religion, Glaube und Herkunft.

Unsere Überzeugung: Zusammen mit und für die Zielgruppen arbeiten
Schwule Männer und drogengebrauchende Menschen haben von Anfang an den lebensstilorientierten Arbeitsansatz der Aidshilfearbeit geprägt. Vor diesem Hintergrund richtet sich unsere Arbeit heute vor allem an Männer, Frauen und Trans*, in deren Leben HIV und Aids eine besondere Relevanz haben. Die Tatsache, dass eine große Zahl von Männern, die Sex mit anderen Männern haben, nicht über eine schwule Identität verfügen, stellt unsere Prävention vor eine große Herausforderung, der wir mit besonders niederschwelligen Zugängen und einer breit aufgestellten Präventionsarbeit und Wissensvermittlung begegnen. In Bezug auf HIV und Aids wollen wir die Auseinandersetzung gemeinsam mit anderen Menschen in unserem Verein fördern. Bei der Konzeption und Umsetzung unserer Arbeit gilt es, die Zielgruppen aktiv und frühzeitig in Prozesse und Entscheidungen einzubeziehen. Der partizipative² Charakter der Ausgestaltung unserer Angebote stärkt die Selbsthilfekompetenz sowie die Bedarfsorientierung und Qualität unserer Projekte.

Unser Konzept: vielschichtige Arbeitsansätze
Die Grundlage unserer Arbeit bilden die folgenden Aspekte: Die Akzeptanz unterschiedlicher Lebenswelten und -weisen, die Beachtung geschlechtsspezifischer Unterschiede, der (sub-)kultursensible³ Umgang mit unseren Zielgruppen, die transkulturelle4 Ausrichtung sowie der hohe Stellenwert von Eigenverantwortung und Selbsthilfe. Dabei sehen wir unsere Nutzer*innen als selbstständige Persönlichkeiten mit ihren eigenen Ressourcen, denen wir stets solidarisch, manchmal kritisch jedoch immer wertschätzend begegnen. Wir respektieren subjektive Entscheidungen in Bezug auf die eigene Lebensplanung und -führung. Unsere Arbeit zielt auf die Stärkung der individuellen Handlungskompetenz im Hinblick auf das körperliche, seelische und soziale Wohlbefinden ab. Sie basiert auf dem Konzept der Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention5, die sich gegenseitig beeinflussen und daher eng vernetzt werden müssen. Im Rahmen der strukturellen Prävention6 tragen wir dazu bei, die gesellschaftlichen Verhältnisse auszubauen, die ein selbstbestimmtes Handeln der Menschen im Umgang mit HIV, Aids und anderen sexuell übertragbaren Infektionen ermöglichen.

Unser Antrieb: die Bedürfnisse der Zielgruppen ernst nehmen
Mit einem verantwortungsvollen Blick auf die Bedürfnisse einzelner Zielgruppen in HIVrelevanten Lebenslagen zählen wir auch Prostituierte, Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen in Haft, Männer, die Sex mit Männern haben (MSM) sowie die Familien und Kinder der von HIV Betroffenen zu den Adressaten unserer Arbeit. Daraus folgt für uns, auch für die damit einhergehenden Themen wie Sucht, psychische Erkrankung und soziale Schwierigkeiten entsprechende Angebote bereit zu halten und den Zugang bedarfsgerecht zu gestalten. Aus den Bedürfnislagen der Zielgruppen resultieren Angebote in den Bereichen betreutes Wohnen, der Jugendhilfe sowie der Bereitstellung diverser Wohn-, Beratungs-, Versorgungs-, Gruppen- und Präventionsangebote. Einen großen Teil unserer Zielgruppen erreichen wir durch Formen einer aufsuchenden Sozialarbeit. Durch die Veränderung der Aidsproblematik mit stetig besser werdenden medizinischen Therapien stellen inzwischen auch die Themen HIV und Alter sowie HIV und Arbeit eigene Tätigkeitsfelder dar. Dieser Wandel führte zur Entwicklung eines Zentrums zur Joborientierung für Benachteiligte und bietet einen primär auf die Zielgruppen ausgerichteten Cafébetrieb als tagesstrukturierendes, gruppendynamisches Angebot.

Unser Handeln: innovativ, koordiniert, eigenständig und vernetzt
Als lernende Organisation hat sich das Spektrum unserer Angebote stetig bedarfsorientiert erweitert. Der die Aidshilfearbeit prägende Aspekt der Selbsthilfe ist immer noch tief verankert: Er reicht heute von eigenständig stattfindenden Gruppenangeboten bis hin zur Anwendung von Empowermentstrategienin der Praxis sozialer Arbeit mit dem Fokus auf schwer erreichbare Zielgruppen. Der fachliche Austausch in unserem Verein und mit Kooperationspartner*innen sowie die stetige Fort- und Weiterbildung unserer Mitarbeiter*innen sind die Basis für Innovation und Qualitätsentwicklung bzw. -sicherung: Durch die Bündelung von Wissen und Erfahrung nehmen wir frühzeitig Trends wahr, kommunizieren diese und erhalten wichtige Impulse für die Entwicklung neuer Konzepte. Die enge Zusammenarbeit von ehren- und hauptamtlichen Mitarbeiter*innen gilt als Voraussetzung. In diesem Kontext ist auch unsere Vereinsstruktur von besonderer Relevanz, da mit Mitgliedern und Vorstand wichtige richtungsweisende Impulse gesetzt werden. Zur Realisierung unserer Ziele ist es notwendig, die Nähe zu Politik, Gesundheitswesen und Wirtschaft zu suchen, sowie sich mit der Deutschen Aidshilfe, dem Landesverband, anderen Aidshilfen, der freien Wohlfahrtspflege und Kooperationspartner*innen engmaschig zu vernetzen. Die geführten Dialoge sollen Synergien8 freisetzen. Zusammen mit anderen gesundheits- und sozialpolitischen Akteur*innen setzen wir neuartige Projekte um und entwickeln bestehende Strukturen weiter.

Unsere Stärke: Streitbarkeit nach innen und außen
Wir führen eine demokratische, konstruktive und transparente Auseinandersetzung. Wir suchen nach tragfähigen Lösungen und fairem Interessensausgleich. Dabei begreifen wir die große Vielfalt unserer Nutzer*innen als Motor, verschiedene Perspektiven einzunehmen und zu diskutieren. Der kritische Dialog im Inneren bildet die Basis für das, was wir auch nach außen darstellen: unsere sozialpolitische Streitbarkeit, Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit.

Unsere Perspektive: aktiv, entschieden, handlungsfähig
Zu unseren Aufgaben zählen wir auch ein starkes gesellschaftspolitisches Engagement. Angesichts sich verschärfender gesundheits- und sozialpolitischer Rahmenbedingungen positionieren wir uns klar mit den langjährig erworbenen Kompetenzen. Wir entwickeln Lösungsansätze für gesellschaftliche Fragestellungen und bauen diese aus. Wir führen eine intensive Öffentlichkeitsarbeit durch und stehen im kontinuierlichen Dialog mit Gesundheitswesen, Prävention, Politik und Gesellschaft; somit tragen wir entscheidend dazu bei, die Notwendigkeit einer nachhaltigen und zeitgemäßen Aidshilfearbeit im öffentlichen Bewusstsein zu halten. Wir treten für einen diskriminierungs- und repressionsfreien Umgang von Staat und Gesellschaft mit HIV und Aids ein. Gleichzeitig verstehen wir uns als zentrale Ansprechpartnerin zu den Themen HIV, Aids, sexuelle Gesundheit, Homo- und Transsexualität, Prostitution, HIV und Sucht, HIV und Psyche, HIV und Migration sowie HIV und Arbeit.

Essen, Mai 2017

1) Wir verwenden das sog. Gendersternchen (*), welches für eine sprachliche Gerechtigkeit über die Zweigeschlechtlichkeit hinaus (vielfältige Geschlechter und Identitäten) steht.
2) Aus dem Lateinischen: Partizipation kann mit Teilhabe/ Teilnahme übersetzt werden.
3) Hiermit soll der offene, respektvolle und vorurteilsfreie Umgang mit Zugehörigen einzelner Subkulturen (z. B. Fetischszene) und Kulturen (z. B. Menschen mit muslimischem Migrationshintergrund) beschrieben werden.
4) Unter Transkulturalität wird die Durchmischung verschiedener Kulturen/Lebensweisen/Ansichten verstanden.
5) Primärprävention – vor dem Eintreten einer Erkrankung/Infektion; Sekundärprävention – Früherkennung und Reduktion einer Erkrankung/Infektion; Tertiärprävention – Behandlung und Rehabilitation).
6) Unter struktureller Prävention wird die Kombination von Verhaltens- und Verhältnisprävention verstanden.
7) Aus dem Englischen: Empowerment kann mit Ermächtigung übersetzt werden und soll den Menschen zu einem möglichst selbstbestimmten Leben befähigen.
8) Aus dem Griechischen: Synergie kann mit Zusammenarbeit übersetzt werden und zielt auf den daraus entstehenden, gegenseitigen Nutzen.


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